Ausstellung "CaputMedusae etc." in der Galerie Schneeberger, Münster 2013
 

Prof.Udo Scheel : zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Schneeberger, "Caput Medusae etc.", Münster, 23.8.2013

 

War es nicht unabwendbar, eine Gedichtsinterpretation im Schulaufsatz mit dem Fazit zu schließen: Form und Inhalt stimmen überein? Das musste nicht bewiesen werden. In der Kunst ist das ein Axiom. Wie in der Philosophie kann in der bildenden Kunst die ganze Welt zum Thema werden, Vorstellungen, Wahrnehmungen, Träume, Ideen. Indem gute Kunst Inhalte transformiert und absorbiert, nicht etwa illustriert, ist die semantische Dimension durchaus an der Wirkung des Werkes, nicht aber an seiner Qualität beteiligt.

„Ich muss die Einladungskarte mit der Medusa umdrehen“, sagte mir kürzlich ein Freund – und Kupferstecher – „das ist mir einfach zu stark“. War es nicht König Atlas, der weniger empfindsam, dem Blick der Allerdings leibhaftigen Gorgo nicht auswich und auf der Stelle zum gleichnamigen nordafrikanischen Faltengebirge erstarrte?

Die englische Reisende Lady Ann Miller gibt im Jahr 1778 allen Kulturtouristen eine dringende Empfehlung: „Wer einen Funken Gefühl besitzt, sollte es vermeiden, dieses Gemälde zu betrachten. Es stammt von Michelangelo Merisi da Caravaggio. “

Es handelt sich um Judith und Holofernes. In der Tat, Form und Inhalt stimmen überein - ein hartes, glasklares bild. Caravaggios neue Sicht, seine Brillanz und Formschärfe im Chiaroscuro fordert die Maler in ganz Europa heraus und bildet Schulen. Rembrandts Blendung des Simson, Tintorettos Kindermord (Scuola S. Roca) Goyas Desastres. Zahllose Martyrien der Christlichen Ikonographie – inhaltlich-thematische Zumutungen – solange bis wir durch eingehende und wiederholte Betrachtung von der Macht des Kunstwerkes mitgerissen werden. Das Geschmacksurteil bleibt in der Regel in peripheren, konsumerablen, dekorativen Ebenen stecken. Es reicht nicht aus.

Nachdem ich die Medusa gesehen hatte schrieb ich der Künstlerin freundschaftlich und spontan: „Eine großartige, starke Plastik: zeitlos, authentisch, kraftvoll in ihrer Formsprache und echt – ehrlich – erlitten und entschlossen. Falls sie nicht von Dir ist, ist sie vielleicht vom Himmel gefallen oder bei Grabungen nahe Troya zu Tage gefördert worden. Sie nimmt Benvenuto Cellini die Ruhe. Hätte er Deine Medusa an den ausgestreckten Arm heften können, wäre nicht er, sondern Du weltberühmt geworden.“ Nun, vermutlich beide.

Martina und ich erinnerten uns kürzlich an eine etruskische Grabfigur in Volterra. Der halb geöffnete Mund mit Zungenspitze und Zahnen hatte uns besonders beeindruckt und gefesselt.

Die künstlerisch-plastische Ausformung des Caput Medusae, die sich rhythmisch-harmonisch zur Einheit verbindenden Abfolgen konvexer und konkaver Oberflächen, die gelungene, bruchlose Einbeziehung ausgeformter Details in die Gesamterscheinung, gekrönt vom wimmelden Otterngezücht, das die flächige Ruhe des Antlitzes mit Windungen und Verschlingungen konterkariert, ergibt ein Werk von besonderer Qualität. In dem MMH sich in eine jahrtausende alte Tradition – abbildend - bildend – erfindend – interpretierend stellt, arbeitet sie keineswegs traditionell, sondern ursprünglich und zeitlos.

Die Künstlerin, die aus ihrer persönlichen Lebens- und Erlebnissphäre schöpft, geht nicht im Strudel der Ereignisse und der fließenden Bilder unter, sondern erhebt sich mit Werkeifer, Mut zum Ungewöhnlichen, Einfallsreichtum und Phantasie über das jeweils Aktuelle, das Temporäre und schon gar über Zeitgeistströmungen hinweg.

Der Mythos, das Ursprünglich-Exemplarische, das Archaische liegen ihr näher und damit das Kultische und das Geheimnisvolle. – Also gegen den Strich – und seul moi même - seit den 90er Jahren auch stets in ihren Bildfiguren als Person erkennbar – zielen ihre Anatomie-Experimente mit Pinsel und formender Hand auf den „Sitz der Seele“, die Zentren der Empfindsamkeit und Erregbarkeit, des Schmerzes und der Verzweiflung, der Liebe und der Lust.

Das geht untere die Haut und an den Nerv. Zellverbindungen, Organe, Gliedmaßen, die Haut werden im künstlerischen Prozess zu Verkörperungen des Seelischen.

Ein großes Herz, ausgestattet mit einer androgynen Physiognomie senkt sie in den Wald der Verzweiflung, des Schmerzes, des Unwiederbringlichen, gebildet von den, aus der Erde wachsenden, um Rettung, Hilfe, Teilnahme, Erinnerung singenden Armen der Toten der Love-Parade in Duisburg. Ihr Wettbewerbsbeitrag war im Lehmbruck-Museum ausgestellt.

Martina Meyer-Heil kehrt nicht einfach Ihr „ Innerstes nach außen“ (wie sollte sie das auch machen?), auch nicht, wenn sie sich mit „Leib und Seele“ in die Malerei und die Bildhauerei stürzt, wie die Hamburger Philosophieprofessorin Dr. Birgit Recki anmerkt. Sie bleibt „Herrin des Verfahren, des künstlerischen Werkprozesses“ und gewinnt durch Form und Maß, Struktur und Farbe Distanz und Souveränität. Anders als in der durchaus wirkungsvollen Trivialsymbolik, wo z.B. ein Anker für Treue steht, geht es hier um „Verkörperungen“ komplexer Erfahrungsfelder in künstlerische Verwandlungen. Sie geht thematisch an Grenzen, die von Unberufenen vielfach überschritten werden, „riskiert Kopf und Kragen“ – Medusa, auch darin besteht ihre Einmaligkeit – aber ihre Werke haben auch in strengem künstlerischen Sinn „Hand und Fuß“.

 

Das Bild Pan&Ich – eine prachtvolle Unwirklichkeit. – was ist aus dem Sohn des Hermes und einer Nymphe (eine in der antiken Götterwelt übliche nicht sandesgemäße Liaison) geworden, dem Gefährten des mächtigen Dionysos, dem römischen Faun mit seiner Syrinx, der Schilfrohrflöte. – Wir werden konfrontiert mit einem bildfüllenden zentralen Martina-M-PAN MORTO. Die getrockneten mächtigen Hörner des Steinbockschädels bilden zweimal ein anfragendes A – Amore – an deren Spitzen und Bruchstellen sich zwei Halbfiguren klammern, die sich aus feierlichem Goldgrund wie aus dem Nichts herauskonturieren und in den Physiognomien materialisieren . beide verschieden, mit wellend, zerzaustem Haarschmuck die eine, die andere mit anliegender Kurzfrisur, in der sich schlangenhaftes Geringel andeutet. Der Blick ins Innere Dunkel, die Augen ohne Pupillen.

Der schwarze Schädel wird durch eine gold-gelbe Aura hervorgehoben – in den Augenhöhlen glimmt ein phosphorisierendes Licht. Dem Gold korrespondiert festlich ein mit kräftigem Duktus die Zwischenräume zustreichendes Schwarz. Die zarte ovale Grundplatte schwebt in blassem Himmelblau bodenlos. Unendlich weit – tief darunter liegt Arkadien, wo Götter, Elementargeister, die ganze göttlich-halbgöttliche Population in Harmonie mit Mensch, Tier und Natur lebten.

Hat das Ganze nicht etwas von einem Memorial (ein wenig Böcklinsche Toteninsel…), gar von einer Trophäe. Die auf rund-ovalen Holzplateaus präsentierten Jagdtrophäen, Schädel und Gehörne erlegten Dammwilds (und. Exotischeres) in alten Gemäuern und Wirtsstuben kam mir in den Sinn.

 

Das kann ein Kund schon sehr erschrecken – das Märchenhafte dringt ein, alles erscheint verwandelt, unheimlich und fremd, die blicklosen Augen… Das Kind wacht aus einem Albtraum auf und knipst das Licht an. Vielleicht ist es dasselbe 8-jährige Mädchen, dass die Tiere, die Wandmalerei in den Höhlen von Altamira entdeckt hat. Die Erwachsenen hatten nichts gesehen. – Die Kunst, die Malerei ist das Licht, mit dem sich Martina Meyer-Heil des Schreckens bemächtigt sie ist die Regisseurin. Mit Erzählfreude und in völliger Klarheit über die erzielte Wirkung. Vielleicht auch eine Spur freundlicher Ironie. Wo ist Venus-Aphrodite, wo die Biopolarität des Sexus der Dialog erfordert, der Zwei-Seelenmensch, der heiter in zwei entgegen gesetzte Richtungen schwimmt, sich aus roten informellen Strudeln herauskämpft (Swimming in the Air hinnein), so die noch recht lebendige Ophelia, die an den Haaren hinabgezogen wird (halb zog er sie, halb sank sie hin…).

Alle sind noch da, auch das Grundprinzip des innerbildlichen Dialogs des bildnerischen Rede und Antwortspiels.

Es kommt eine Identifikationsfigur hinzu – Pallas Athene. Ihr schenkte Perseus das Medusenhaupt, das die mit höchster Vernunft begabte Göttin seitdem auf ihrem Schilde führt. Martina, sich selbst zum Schutz.

„Form und Inhalt stimmen überein“ – nur mit zugewandter geduldiger Kontemplation, eingehender Betrachtung können wir uns dessen vergewissern.

Rede von Prof. Udo Scheel zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Schneeberger, Münster, 23.8.2013

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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